„Schließe deine Augen und denke an die Zahl 9. Stelle sie dir vor. Verfolge innerlich die Konturen, die Kanten, die Kurven. Ein farbiger Schleier umhüllt die Zahl. Sie steht mitten im Raum, vor deinem inneren Auge – deinem inneren Monitor. Sie ist wunderschön. Sie ist unglaublich groß. Sie ist ein Er. 9 hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, ist sehr bodenständig und strahlt Mut und Stärke aus. Er ist loyal, geht immer vorwärts, blickt nie zurück. Er ist grün und schmeckt herb. Aber nicht säuerlich, sondern eher leicht bitter. Auf sehr angenehme Art und Weise. Dieser Geschmack von schwerem Wein und der Duft nach trockenem Herbstlaub. 9 ist meine Lieblingszahl, denn er strahlt diese unglaubliche Stärke aus. Er gibt mir Kraft, treibt mich an und ist einfach nur wunderschön anzuschauen.

Oder wie ist das bei dir?“

 

Diese und viele weitere Geschichten von realen Personen haben mich neugierig gemacht. Neugierig auf das „Farbensehen“, neugierig auf das „Farbenhören“. Aber auch auf die Synästhesie an sich und die Personen dahinter. Wie fühlt es sich an, wenn man die Welt einfach viel bunter zu Gesicht bekommt als der Rest der Welt? Personen mit dieser Begabung nennt man Synästheten. Bei ihnen sind zwei oder mehrere physisch getrennte Bereiche der Wahrnehmung unmittelbar miteinander gekoppelt. Viele Synästheten hören beispielsweise farbige Klänge. Vor dem inneren Auge, dem sogenannten inneren Monitor, spielt sich dann entweder ein Mix aus Farben ab oder bestimmte Gefühlszustände werden damit verbunden. Andere wiederum haben bei einem Ton einen ganz bestimmten Geschmack auf der Zunge. 

Was genau wahrgenommen wird, ist bei jedem „Synnie“ anders. Bei dem Einen ist der Ton blau. Derselbe Ton ist für einen anderen Synästhetiker hingegen rot. Mein Buch soll dabei helfen, das Phänomen Synästhesie genauer zu erklären und Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Für viele ist dieses Phänomen oft zu „abgedreht“, zu verrückt. Man will nicht glauben, dass es so etwas tatsächlich gibt und noch dazu wissenschaftlich bewiesen ist. Es ist aber so. Und es hat einen Namen: Synästhesie. Es ist eine Interpretation – auf eine ganz eigene, persönliche Art und Weise. Anhand von fünf Erfahrungsberichten werden die unterschiedlichsten Arten der Synästhesie verdeutlicht und auf vereinfachte Art und Weise dargestellt.

 

Meine fertige Printarbeit ist ein Buch zum be- und ergreifen. Es spielt mit Haptik, Optik und erfordert die Fantasie des Betrachters. Jeder Synästhet sieht seine Welt auf eine ganz eigene, individuelle Art und Weise. Für den Einen ist beispielsweise die Zahl 5 Türkis, für den Anderen hat die gleiche Zahl eine komplett andere Farbe. Die Wahrnehmung variiert, aber die Farbe bleibt für die jeweilige Zahl immer erhalten. Da die Vorstellung nun bei jeder Person anders ist, gebe ich lediglich Anreize, wie es aussehen könnte. Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass ungerade Zahlen für mich immer männlich sind. Das war mir als Kind schon bewusst und das hat sich bis heute nicht geändert. Mir wurde während meiner Interviews mit Synästheten dann gesagt: „Glückwunsch, das nennt man Synästhesie!“. 

 

Wir reden von keiner Erkrankung und die betroffenen Personen sind völlig normale Menschen, so wie du und ich. Ein Synästhet nimmt die Welt auf so vielen unterschiedlichen Ebenen wahr. Es ist eine wunderbare Spielerei der Evolution und für die jeweilige Person ein bisschen Extraluxus im Gehirn. Jeder Reiz ist ein Genuss und wird in vollen Zügen ausgekostet. Diese Gabe ist beneidenswert. Erlernen kann man sie leider nicht. Man wird mit ihr geboren, es wird einem vererbt. Man hat sie oder man hat sie nicht.  Aber eins ist klar: jeder von uns trägt diese Begabung ein wenig in sich. Bei manchen ist es ausgeprägter und bei manchen eben nur sehr versteckt und im Unterbewusstsein vorhanden. Man muss nur genau hinhören.

 

Begib dich auf eine synästhetische Reise und schärfe deine Sinne. Rieche, höre, schmecke, sehe, fühle – und wer weiß, vielleicht entdeckst du eine ganz neue Seite an dir.

 
Weitere Infos zum Thema gibt es auf www.synaesthesie.org